Worte

Was wäre, wenn Worte mit den Wolken am Himmel um die Wette tanzen könnten?

Wenn Worte herabregnen und die Feuer auf dieser Erde löschen könnten?

Wenn sie wie Nebel aus den Ritzen verschlossener Versammlungsräume dringen könnten?

Drei Fragen, keine Antwort.

Doch was tun, wenn Angst den Worten die Flügel stutzt?

Wenn sie nicht mehr schweben können, sondern schwer wie Blei am Boden liegen?

Wenn ein Empfänger Lügen sieht oder sehen will, wo Anspruch ist, zu recherchieren, kritisch zu berichten, zu analysieren?

Wenn Worte vor Resignation zerfallen und die Wörter, die Buchstaben keine neuen Texte sprießen lassen, sondern in Schweigen zerbröseln?

Wenn die Fähigkeit des lauten Meinungschreibens irgendwo zwischen den Zeilen abhanden gekommen ist?

Wenn die Entfernung zwischen dem alten Spiel der Wörter und dem neuen Spielen im Worte des Auftraggebers groß geworden ist?

Wenn die Leidenschaft für Wortakrobatik in den Jahren des Funktionierens auf der Strecke geblieben ist?

Was dann?

Lesen. Lesen. Und wieder: Lesen.

So lange Texte aufsaugen, so lange beobachten, nachdenken, bis die Irritation über den Zustand unserer Welt neue Worte nach außen treibt. Vielleicht ist das eine Antwort.

Wolkenorakel

Wolkenorakel

Stürzte die Seebrücke ein, stünde sie auf Wolkenbeinen? Die Frau sitzt im Sand, Kopf im Nacken, stellt sich vor, das Bauwerk neben ihr balancierte auf Wolken statt auf mächtigen Betonpfeilern. Stimmenfetzen von schräg oben, Lachen. Zwei Funktionsjackenträger im Partnerlook posieren Arm in Arm am Holzgeländer, Um-die-Wette-Grinsen im Selfiewahn.

Wenn Beton das Dauerhafte symbolisiert, das Stabile, Selbstverständliche, was bedeuten dann die Himmelsgebilde? In ihrer Sonntagsfantasie tänzelt die Frau wie auf Wolken durch den Arbeitstag, statt fünfmal pro Woche ins Institut zu schlurfen, als zerrte sie Betongewichte hinter sich her. Sie denkt an ihren Job im Labor, der sie schon lange nicht mehr ausfüllt. An Krankheiten, die alle Pläne zunichte machen. Denkt an dieses fragile Gerüst eines Lebens, das auf einmal zusammenbrechen kann. Und dann fehlt vielleicht die Zeit, etwas anderes zu tun. Die Frau ringt um Alternativen zur Stelle im Institut, aber ihr fallen keine ein, denn sie beherrscht vieles ein bisschen und nichts richtig außer ihrem Fachgebiet. Noch immer sitzt sie im Schatten der Seebrücke, starrt auf die Wolkenbeine. Versucht, in ihnen ein Zeichen dafür zu sehen, dass ihr eigener Ausstieg trotz unsicherer Bedingungen ein stabiles Fundament bilden kann.

Aber hätte sie den Job im Institut nicht, könnte sie sich nicht einmal diesen Ausflug an die Ostsee leisten. Da ist es wieder, dieses verdammte Sicherheitsgefühl! Plötzlich fällt ihr auf, dass zu ihrer Linken ein Betonpfeiler in die Luft ragt, der den Bau mit seinen steinernen Kollegen trägt – von wegen Wolkenbeine. Wie lang mag die Seebrücke wohl sein, was wiegen, wie viele Beton- oder Stahlbetonpfeiler mit welchem Mindestdurchmesser erfordern? Und wie tief müssen diese im Boden verankert sein? Solche Fragen würden die anderen Weißkittel im Labor wohl auch stellen. Vielleicht passt sie doch ganz gut dorthin. „Veränderungen brauchen mehr als ein Wolkenorakel“, murmelt die Frau. Steht auf, verlässt den Strand. Morgen früh muss sie um halb neun im Labor sein.

Eine Frau, zwei Ausweise (6/6)

Ende August 2014

Blasser und blasser werden, sich in Luft auflösen. Davon schweben. All diese Menschen vor Gericht niemals wieder sehen müssen. Mich nicht mehr unter anklagenden Blicken krümmen. Glaubhaft versichern dürfen, dass ich bereue, was ich in meiner Dummheit half, vorzubereiten.

 

Anfang September 2014

Einstieg eines Zeitungsartikels:

„Überraschendes Geständnis im Prozess um das Attentat von Stuttgart: Die Angeklagte Charlotte K. aus Hamburg hat eingestanden, am 10. Juli 2014 ein Bombenattentat in einem Stuttgarter Restaurant verübt zu haben, bei dem drei Menschen verletzt worden sind. Das Gericht hat sie zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Es wertet die Tat als versuchten Mord.“

 

Heute

Stille. Die Aufnahme stoppt. Meine Kehle ist ausgetrocknet vom Lesen. Ich gieße mir ein Glas Wasser ein, leere es in einem Zug. Dann ein zweites. Die anderen schauen mich so verstört an, als säße ihnen diese Charlotte tatsächlich gegenüber. Ich fühle mich selbst merkwürdig. Betroffen, alleine gelassen, schuldig, obwohl ich nur die Sprecherin bin, und die Frau eine fiktive Person. Nachher wird das Team meine Stimme und ein paar Geräusche zusammenschneiden und ein Hörspiel für den Schulunterricht daraus produzieren. Es soll Schülern zeigen, wie wichtig es ist, die Dinge zu hinterfragen.

*

Auf dem Heimweg vom Tonstudio ergattere ich den letzten freien Sitzplatz im Bus. Ich betrachte die anderen Fahrgäste und versuche, mir ihre Gesichter einzuprägen. Jedes einzelne.

Eine Frau, zwei Ausweise (5/6)

August 2014

Ich sage die Wahrheit, aber niemand scheint mir zu glauben. Zeugen wollen mich am Tatort gesehen haben. In dem Stuttgarter Restaurant, eine halbe Stunde vor dem Attentat. Es existiert auch ein Foto, das mich dort zeigt. Zeigen soll. Eine Frau von der Seite, Brille, blonde, halblange Haare. Die Frau in dem Ausweis, und somit wohl ich. Aber das kann nicht sein. Wer hat dieses Bild aufgenommen? Warum?

*

Ich war niemals in dem Restaurant, in dem die Bombe explodierte. Trotzdem hat die Polizei in dem Lokal Geschirr und Besteck mit meinen Fingerabdrücken sichergestellt. Angeblich ist kein Zweifel möglich. Ich habe das von meinem Pflichtverteidiger erfahren, mit dem ich mittlerweile rede. Er hat mir Fotos der Fundstücke gezeigt. Weißer Porzellanteller, Edelstahlbesteck, Wasserglas. Allerweltssachen, wie sie auch in der Küche der Ein-Zimmer-Wohnung standen, die ich monatelang besucht habe. Wann endet dieser Albtraum endlich?

*

„So kommen wir nicht weiter.“ Das hat mein Pflichtverteidiger heute schon mehrmals gesagt. Er versucht, mit mir zu rekonstruieren, wann genau und warum ich in dem Restaurant war. Wo ich gesessen habe, was gegessen, wann ich gegangen bin. Warum ich den mit einem Schwarzpulver-Gemisch gefüllten Sprengkörper und das Handy für die Fernzündung nicht dort deponiert habe, nicht haben kann, obwohl ich gemäß Zeugenaussage neben dem Blumenkübel gesessen habe, in dem die Bombe eine halbe Stunde später explodierte.

Ich war nicht dort. Weiß ich. Glaube ich, zu wissen. Vermute ich. Ich. War ich dort? Warum?

Er schaut mich an, ist der Einzige, der zu mir hält in diesem Lügengewirr. Der Pflichtverteidiger kann mich hier rausholen. Ich muss nur kooperieren.

*

Die Kündigung kommt nicht überraschend. Der Umschlag erreicht mich in der Untersuchungshaft.

„Sehr geehrte Frau“ statt „liebe Charlotte“. Ich gehöre seit fünf Jahren zum Team, bin jetzt außen vor. Eine Mitarbeiterin, die man siezt, eine, der man eine Kündigung schickt. Einfach so, ohne jede Begründung. Ob das vor einem Arbeitsgericht überhaupt Bestand hätte? Der Agentur geht es gut, und einen Fehler habe ich nicht gemacht. Ich bin ohne eigenes Verschulden vorläufig festgenommen und nach richterlichem Beschluss in U-Haft gesteckt worden. Irgendjemand will mir ein Attentat mit drei Verletzten anhängen, hat falsche Beweisstücke deponiert, und Zeugen haben anscheinend meine Doppelgängerin gesehen, nicht mich. Vermutlich stecken der Mann und die Frau hinter alledem. Aber ich bin unschuldig. Die Agentur darf mich nicht rauswerfen, bloß weil ich in diese Geschichte verstrickt bin. Meine ich. Klagen könnte ich dagegen. Aber möchte ich das überhaupt? Seit ich abends in diese Wohnung gefahren bin, habe ich im Büro Dienst nach Vorschrift gemacht, war mit den Gedanken woanders. Will ich nach den Monaten in meinem zweiten Leben wieder voll in den Arbeitsalltag einsteigen?

*

Die nächste Zeugin ist meine beste Freundin. Die Frau, die ich für meine beste Freundin hielt. 15 Jahre lang. Bis vor wenigen Minuten.

Sie hat sich verändert, höre ich. Lotte habe sich in den vergangenen Monaten komplett zurückgezogen. Das war so gar nicht Lottes Art, weiß die Frau. Natürlich hat die Frau ihre beste Freundin noch einige Male angerufen, höre ich. Aber sie war seltsam, verstockt, erzählte nichts von sich. Höre ich. Und noch einiges mehr. Da erfahre ich, dass ich gelogen hätte in den vergangenen Monaten, mich in Widersprüche verstrickt. Dass mein Verhalten mit anderen, gemeinsamen Freundinnen diskutiert worden und auch ihnen sehr merkwürdig erschienen sei. Dass ich eine Art Wut in mir getragen habe, höre ich. Hass möchte die Frau, die meine beste Freundin war, es nicht nennen – wie freundlich – aber Wut sei schon das richtige Wort. Auf das Leben, die anderen, Wut auf die eigene Person, lerne ich über mich. Ja, es sei Lotte durchaus zuzutrauen, so eine grauenvolle Tat, höre ich. Natürlich habe sie mit so etwas Schrecklichem niemals gerechnet, aber jetzt werde ihr einiges klar. Das Attentat hätte vielleicht verhindert werden können, höre ich, aber das sei nur eine Vermutung, nur ein verzweifelter Versuch dieser Frau, die ich nicht mehr kenne, mit der Wahrheit umzugehen. Mir wird schwarz vor Augen.

*

Ich schreie ihn an, will ihn schlagen, ins Gesicht. Bevor meine Fäuste die Pflichtverteidiger-Visage treffen, dreht er sich um. Geht zur Tür. „Es reicht.“

Der Verteidiger hatte mir gesagt, die Indizien sprächen gegen mich. Ich hätte mich zum Tatzeitpunkt in Stuttgart aufgehalten, sei am Tatort gesehen worden, zudem seien ein Teller, Glas und Besteck mit meinen Fingerabdrücken sichergestellt worden. Ich hätte eine Zweitwohnung in meinem Wohnort Hamburg angemietet, und man könnte mir unterstellen, ich hätte das Attentat von dort aus vorbereitet. Für die beiden Ausweise hätte ich zwar eine Erklärung, aber diese könnte vor dem Hintergrund der Ereignisse für konstruiert gehalten werden. Mein verändertes Verhalten sei meinen Freunden aufgefallen, und auch Kollegen hätten ein für mich untypisches Desinteresse an der Arbeit bemerkt. Unklar sei nur mein Motiv. Er beobachte auf meiner Seite keinerlei Kooperationsbereitschaft, und das erschwere seine Verteidigung. Ob ich mir darüber im Klaren sei? Dann habe ich losgeschrieen. Nun sitze ich wieder alleine in meiner Zelle.

 

Teil 6 folgt am Freitag, den 3. Juli…

Eine Frau, zwei Ausweise (4/6)

Zweite Julihälfte 2014

„Wir haben die Information bekommen, dass Sie sich am Tag des Attentats im nahe gelegenen Fünf-Sterne-Hotel aufgehalten haben. Warum sind Sie dort abgestiegen?“

Es regnet Fragen. Was hatte ich in Stuttgart zu tun? Warum habe ich das Hotel vier Tage lang kaum verlassen? Warum übernachte ich, die ich in einfachen Verhältnissen in Hamburg lebe, in einem Stuttgarter Luxushotel? Wer hat das bezahlt? Wen habe ich dort getroffen? Meine eigenen Fragen wage ich nicht, zu stellen. Was weiß die Polizei über mich? Und wer hat sie auf mich gebracht?

„Wir kommen immer wieder an einen Punkt, an dem Sie scheinbar sinnlose Anweisungen Ihnen angeblich unbekannter Personen ausführen. Das passt nicht zusammen. Entweder wussten Sie, was diese Anweisungen bedeuten, oder Sie kannten Ihre Auftraggeber. Reden Sie endlich!“

*

„Sehen Sie sich als ausführendes Werkzeug oder als denkenden Menschen?“

Ich versuche, den Kommissaren zu erklären, dass ich beides bin. Früher war ich neugierig, wollte alles wissen. Bis ich anfing, Geld mit meinen Fragen zu verdienen. Texte für Unternehmen zu schreiben, weil am Ende des Monats eine bestimmte Summe auf mein Konto geht. Wenn ein Einkommen auf die Dauer die einzige Form von Anerkennung ist, wenn Fragen letztlich nur noch dazu dienen, ein Gehalt zu kassieren, verschwindet irgendwann meine Wissbegierde. Ich lege sie nach der Arbeit ab wie den Anzug nach einem Kundentermin. Keine Fragen stellen zu müssen, anzunehmen ohne anzuzweifeln, das ist ein Gefühl, als zöge ich eine bequeme Jeans an.

 

Wenige Tage später

Manchmal glaube ich, es wäre ein böser Traum. Ich habe eine Anklageschrift bekommen, in der von einer notwendigen Verteidigung die Rede ist. Ich werde verdächtigt, das Stuttgarter Attentat begangen zu haben. Es heißt, ich möge einen Verteidiger meiner Wahl benennen, andernfalls werde mir ein Pflichtverteidiger durch das Gericht bestellt. Pflichtverteidiger. Ich habe doch gar nichts getan! Gut, ich habe fünf Monate lang jeden Wochentag von etwa 18 bis 20 Uhr in dieser Wohnung verbracht. Dort gegessen, mein Geschirr abgewaschen, ferngesehen, ab und zu auf dem Balkon gesessen. Alleine. Gut, ich habe dafür Geld genommen. Na und? Ich habe nichts Verbotenes getan. Woher soll ich wissen, wer die Frau und der Mann waren, welche Absichten sie hatten? Ich bin unschuldig. Ich habe doch nur das gemacht, wofür diese Leute mich engagiert haben. Und das war kein Verbrechen.

 

Ende Juli 2014

Heute Morgen habe ich mich übergeben. Ich habe mir den Finger in den Hals gesteckt und gekotzt, bis die Galle kam. In den Gerichtssaal haben sie mich trotzdem gebracht. Blitzlicht. Ein Heer von Kameras auf dem Weg zur Verhandlung. Ich halte mir eine Mappe vors Gesicht, fühle mich nackt. Mit meinem Pflichtverteidiger habe ich nicht gesprochen. Ich habe nichts getan, wofür ich einen Verteidiger bräuchte.

Im Laufe des ersten Prozesstages sehe ich den Mann wieder, der Amelie eine nette Botschaft auf den Umschlag geschrieben hatte. Im Zeugenstand legt er dem Gericht einen Mietvertrag vor, unterzeichnet von Amelie Winter. Es ist ein Vertrag für eine möblierte Ein-Zimmer-Wohnung in Hamburg, abgeschlossen vor fünf Monaten, und die Miete ist für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt worden. In bar. Das sei ihm gleich aufgefallen, sagt der Mann aus.

Er lügt. Ich habe diese Wohnung niemals offiziell gemietet, geschweige denn dafür gezahlt.

Was redet der Kerl? Seine Lebensgefährtin hatte ein seltsames Erlebnis mit Frau Winter, aber das werde sie ja sicherlich noch persönlich erzählen. Frau Winter habe sich seiner Frau als Jessica Schuster vorgestellt.

„Erst das ganze Bargeld, dann die beiden Namen. Von diesem Moment an haben wir Frau Winter oder Schuster beobachtet, die kam uns verdächtig vor.“ Jetzt starrt er zu mir, unverwandt.

Später erscheint die Frau vor Gericht, die Frau, die mir den Umschlag mit den Reiseunterlagen für Stuttgart gegeben hatte. Ich erkenne sie sofort, obwohl ihr Haar jetzt dunkelbraun ist, und sie keine Brille mehr trägt. Sie erzählt von ihrer Irritation angesichts meiner Vorstellung als „Jessica Schuster“. Schließlich wisse sie von ihrem Mann, dass ich Amelie Winter heiße.

Mein Pflichtverteidiger verzieht keine Miene. Als ich den Kopf auf den Tisch lege, weil ich diese Lügen nicht mehr ertrage, bittet er das Gericht, die Fortführung des Prozesses zu verschieben. Seine Mandantin fühle sich heute nicht wohl.

*

Ich denke an die drei Verletzten, an ihre Familien. An die selbst gebastelte, mit Hilfe eines Handys gezündete Bombe, die in einem Blumenkübel versteckt gewesen sein soll, an die Katastrophe, die sie hätte auslösen können, wären noch mehr Menschen im Gastraum gewesen. Der Prozess soll morgen fortgesetzt werden. Mit meinem Pflichtverteidiger spreche ich noch immer nicht. Es bedeutete für mich, eine Rolle zu akzeptieren, in der ich mich nicht sehe.

 

Teil 5 folgt am Mittwoch, den 1. Juli…

Eine Frau, zwei Ausweise (3/6)

Zweite Julihälfte 2014

„Bitte beschreiben Sie uns das Wiedersehen mit der Frau aus dem Bus.“

Es scheint die Kommissare nicht zu interessieren, dass ich ihnen die Szene schon mehrmals geschildert habe, mir nicht sicher bin, ob es wirklich die Frau aus dem Bus war. Damals hatte ich kaum auf ihr Gesicht geachtet. Ich glaube nur, dass sie der Frau in den Ausweisen ähnelt. Aber was bedeutet das schon? Mit meiner Brille sehe ich auch so aus.

Es war eine kurze Begegnung. Ich wusch das Geschirr ab. Plötzlich stand sie in der Küchentür, in der Hand einen Umschlag.

„Jessica, hier sind Deine Reiseunterlagen. Die Flugtickets stecken im Umschlag, die Reservierungsbestätigung für das Hotel in Stuttgart und das Geld auch.“

Ich erfuhr, dass ich in der Business Class fliegen und vier Nächte in einem Fünf-Sterne-Hotel bleiben sollte. Am Montag, den 7. Juli, morgens hin, und am Freitag, den 11. Juli, abends zurück. In Stuttgart sollte ich mich oft in der Lobby des Hotels aufhalten. Nun müsse sie wieder gehen, sagte die Frau, sie habe noch einen Termin. Ach ja: Gut mache ich das, sehr gut. Sie bekomme alles mit, und sei außerordentlich zufrieden mit mir.

„Bis bald, Jessica.“ Sie lächelte, verließ die Wohnung.

Versuchen die Kommissare, mich bei einem Widerspruch zu ertappen? Glauben sie mir nicht? Oder meinen sie, durch ständiges Wiederholen der immergleichen Fakten fiele mir noch etwas ein? Ich weiß es nicht.

 

Donnerstag, 10. Juli 2014

In den Abendnachrichten berichten sie über eine Bombe, die in der Nähe meines Stuttgarter Hotels explodiert ist, in einem Restaurant. Entsetzlich. Drei Menschen sind bei dem Attentat verletzt worden, und es hätte noch viel schlimmer ausgehen können. Tagsüber habe ich davon nichts mitbekommen, ich saß meistens in der Lobby meines Hotels, habe gelesen. Die übrige Zeit habe ich in meinem Zimmer verbracht.

 

Mitte Juli 2014

Zurück aus Stuttgart, in der Musterwohnung, die in den vergangenen fünf Monaten zu meinem zweiten Heim geworden ist. Es riecht anders. Irgendjemand war hier. Oder bilde ich mir das nur ein? Ich denke nicht weiter darüber nach. Dafür habe ich das Luxushotel viel zu sehr genossen. Es war gar nicht so einfach, kurzfristig Urlaub zu bekommen. Vielleicht meinen die Kollegen jetzt, ich sei auf dem Absprung, bewerbe mich woanders. Das Merkwürdige ist: Je wichtiger mir meine Rolle in dem Spiel rund um die Wohnung wird, desto mehr nimmt die Bedeutung der Agentur in meinem Leben ab. Ich lächele mittlerweile über die von mir beschriebenen Produkte, spule meine Fragen ab, lauere nicht mehr auf Lob. Und ich erwarte mit Spannung meine Abende in der Wohnung.

 

Kurz darauf

Haben Sie schon mal Ihr Gesicht auf dem Titelblatt einer Zeitung gesehen? „Stuttgarter Bomben-Attentat: Wer kennt diese Frau?“ stand neben dem Foto. Normalerweise kaufe ich dieses Blatt nicht, aber als ich es beim Brötchenholen auf dem Tresen sah, habe ich es gegriffen. Die Bäckerin hat mich beim Bezahlen komisch angeguckt. Der Artikel endete mit einer Rufnummer für mögliche Hinweise aus der Bevölkerung. Noch am selben Tag hat die Polizei mich vorläufig festgenommen.

 

Teil 4 folgt am Sonntag, den 28. Juni…