Worte

Was wäre, wenn Worte mit den Wolken am Himmel um die Wette tanzen könnten?

Wenn Worte herabregnen und die Feuer auf dieser Erde löschen könnten?

Wenn sie wie Nebel aus den Ritzen verschlossener Versammlungsräume dringen könnten?

Drei Fragen, keine Antwort.

Doch was tun, wenn Angst den Worten die Flügel stutzt?

Wenn sie nicht mehr schweben können, sondern schwer wie Blei am Boden liegen?

Wenn ein Empfänger Lügen sieht oder sehen will, wo Anspruch ist, zu recherchieren, kritisch zu berichten, zu analysieren?

Wenn Worte vor Resignation zerfallen und die Wörter, die Buchstaben keine neuen Texte sprießen lassen, sondern in Schweigen zerbröseln?

Wenn die Fähigkeit des lauten Meinungschreibens irgendwo zwischen den Zeilen abhanden gekommen ist?

Wenn die Entfernung zwischen dem alten Spiel der Wörter und dem neuen Spielen im Worte des Auftraggebers groß geworden ist?

Wenn die Leidenschaft für Wortakrobatik in den Jahren des Funktionierens auf der Strecke geblieben ist?

Was dann?

Lesen. Lesen. Und wieder: Lesen.

So lange Texte aufsaugen, so lange beobachten, nachdenken, bis die Irritation über den Zustand unserer Welt neue Worte nach außen treibt. Vielleicht ist das eine Antwort.

Wolkenorakel

Wolkenorakel

Stürzte die Seebrücke ein, stünde sie auf Wolkenbeinen? Die Frau sitzt im Sand, Kopf im Nacken, stellt sich vor, das Bauwerk neben ihr balancierte auf Wolken statt auf mächtigen Betonpfeilern. Stimmenfetzen von schräg oben, Lachen. Zwei Funktionsjackenträger im Partnerlook posieren Arm in Arm am Holzgeländer, Um-die-Wette-Grinsen im Selfiewahn.

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Eine Frau, zwei Ausweise (5/6)

August 2014

Ich sage die Wahrheit, aber niemand scheint mir zu glauben. Zeugen wollen mich am Tatort gesehen haben. In dem Stuttgarter Restaurant, eine halbe Stunde vor dem Attentat. Es existiert auch ein Foto, das mich dort zeigt. Zeigen soll. Eine Frau von der Seite, Brille, blonde, halblange Haare. Die Frau in dem Ausweis, und somit wohl ich. Aber das kann nicht sein. Wer hat dieses Bild aufgenommen? Warum?

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Eine Frau, zwei Ausweise (3/6)

Zweite Julihälfte 2014

„Bitte beschreiben Sie uns das Wiedersehen mit der Frau aus dem Bus.“

Es scheint die Kommissare nicht zu interessieren, dass ich ihnen die Szene schon mehrmals geschildert habe, mir nicht sicher bin, ob es wirklich die Frau aus dem Bus war. Damals hatte ich kaum auf ihr Gesicht geachtet. Ich glaube nur, dass sie der Frau in den Ausweisen ähnelt. Aber was bedeutet das schon? Mit meiner Brille sehe ich auch so aus.

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Eine Frau, zwei Ausweise (2/6)

Februar 2014

Meine Kollegin in der Agentur ist überrascht. „Lotte, mit Brille habe ich Dich ja schon lange nicht mehr gesehen. “

„Ich trage sie kaum noch, seit ich die Kontaktlinsen habe. Aber mir war vorhin danach zumute.“

Heute morgen die Brille aufzusetzen, war eine Art Reflex wie mein Griff nach der Handtasche vor einigen Tagen im Bus. Ich hatte nicht einmal vor, nach der Arbeit zu der Wohnung zu fahren. Dennoch stehe ich nun zum zweiten Mal vor dem Haus. „Eine Frau, zwei Ausweise (2/6)“ weiterlesen

Eine Frau, zwei Ausweise (1/6)

Februar 2014

Sie hätte mir auffallen können. Vorher schon.

„Entschuldigung, das ist meine Tasche, ich gehe nur kurz vor die Tür.“ Die Frau mir gegenüber weist auf eine olivgrüne Handtasche mit silberner Schnalle, huscht aus dem Bus.

Ich schaue kurz die Tasche an, dann aus dem Fenster. Erst als der Bus anfährt, kehrt mein Blick zurück. Wo ist die Frau? Hat sie es nicht mehr geschafft, einzusteigen? War es Absicht? Was sollte das? Warum habe ich die Frau nicht genauer angesehen?

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Mittlebensgespenster

Dpb.Uhr

Vögel beobachten, bestimmen, zählen. Ein Naturschutzpraktikum auf einer unbewohnten Insel, drei Monate lang. Was für ein kurioses Angebot. Die Leute hatten es ihr vor Kurzem auf dem Sommerfest ihrer Agentur gemacht, als stünde sie nicht mitten im Job, als sei sie nicht zu alt für ein Praktikum, als sei sie kein Großstadtgewächs. Die Frau schüttelt den Kopf, glättet ihren Rock. Drei Monate in der Einöde. Ausgerechnet sie! „Mittlebensgespenster“ weiterlesen

Restzweifel

Doppelb Wolken

Die Frage, was wäre, wenn die Wolken vom Himmel fielen, konnte ihm in seiner Kindheit niemand beantworten. Weder sein Vater, der ihn immer mit zum Angeln an den großen Fluss nahm, noch seine Mutter, noch sein bester Freund. In der Schule hat er die Antwort irgendwann gelernt. Die Wolken plumpsen nicht hinab, sondern kommen als Regen, Hagel oder Schnee zur Erde. Doch ein Restzweifel ist geblieben.

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