Ein Hauch von Jasmin

Der Mann, den die Anderen den Plattmacher nennen, hat seinen Auftrag beinahe abgeschlossen. Nur die linke Außenwand ist übrig. Die Greifschaufel seines Abbruchbaggers fällt wie ein hungriges Raubtier darüber her, stößt ihre stählernen Zähne in den Backstein. Hier hat ein Geschäft gestanden, ein Kurzwarenladen aus der Zeit, als Mütter noch frische Gummibänder in ausgeleierte Kinderhosen zogen, statt neue zu kaufen, ein vergessener Laden mit hellgelber Klarsichtfolie auf der Innenseite der Fensterscheibe, um die Knöpfe, Garnrollen und Schnallen im Schaufenster vor der Sonne zu schützen. Vorbei. Regale und Lager sind geräumt, der Inhaber fort, das Haus nach wochenlangem Alles-muss-raus-Geschrei neongrüner Plakate zum Abbruch freigegeben. Die Stahlzähne beißen wieder zu, ein Stück Mauer zerbröselt wie ein Knäckebrot, Backsteinkrümel fliegen umher. Es staubt, das rötliche Pulver wirbelt durch die Luft, sinkt auf das Sicherheitsglas der Fahrerkabine. Die Frontscheibe und das Dach des Abbruchbaggers sind vergittert, um den Kopf des Fahrers vor herabstürzenden Brocken zu schützen. Gestern hat es einen anderen Baggerfahrer auf einer Großbaustelle in der Nachbarstadt erwischt, es stand in der Zeitung. Eine ungesicherte Mauer ist eingestürzt, der Steinregen hat den Mann in seiner Kabine erschlagen. Der Plattmacher schiebt den Unfall des Unbekannten beiseite – Berufsrisiko. Er senkt den Greifarm, öffnet die Schaufel über dem Mauerstumpf. Stahl besiegt Stein. Mit den riesigen Ketten seines Baggers fährt er anschließend durch die Backsteinwüste, zermalmt die Brocken auf dem Boden zu rotem Kurzwarenladenstaub. Der Bagger tänzelt vor und zurück, letzte Steine knirschen unter dem tonnenschweren Gefährt.

Wenn der Mann arbeitet, verschmilzt er gewöhnlich mit seinem Bagger, und plötzlich ist dessen zwölf Meter langer Greifarm sein eigener, dann hat er meterbreite Ellenbogen- und Handgelenke mit mächtigen, schwarzen Kabeln, und seine stählerne Klaue packt Mauern, versinkt in Trümmerhaufen, in Dachstühlen, deren Holzgerippe sich ihm entgegenrecken. Nur bei diesem Haus gelingt ihm das nicht, seine Gedanken stolpern immer wieder über das Stück Heimat, das er gerade zerstört hat. Der Baggerfahrer ist in dieser Gegend aufgewachsen, hat schon als Junge mit seinen Freunden über das altmodische Knopfgeschäft gelacht. Vielleicht duftet seine Fahrerkabine deshalb an diesem Tag nach Jasmin. Der süße Geruch hat für ihn etwas Tröstliches. Er hat den Zweig mit den weißen Blüten von seinem Balkon mitgebracht und so hingelegt, dass die Kollegen ihn nicht sehen können. Was sagten sie wohl, wenn sie wüssten, dass ihr so genannter Plattmacher nach der Arbeit immer schnell nach Hause fährt, um seinen Jasmin zu gießen? Wenn sie ahnten, dass er die Blätter an heißen Sommerabenden sogar mit Wasser besprüht, damit der Jasmin besser wächst?